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Weichsler wandte sich zum drittenmal den vermeintlichen Fußspuren zu und besah sie sich genauer. Er war jetzt nicht mehr ganz sicher, daß es wirklich Fußabdrücke waren. Sie sahen so aus, sicher, aber im Grunde nur auf den ersten Blick. Möglicherweise waren es auch nur ein paar nasse Flecke, die rein zufällig die richtige Anordnung hatten, daß sie wie Fußabdrücke aussahen. Logisch betrachtet, war es nicht möglich. Niemand ko
Normalerweise hätte er nach dem Ausfall des Funkgeräts zum Schulhaus hinüberlaufen und Alarm schlagen müssen. Aber das hätte bedeutet, in den Regen und den immer heftiger tobenden Sturm hinaus zu müssen, und außerdem: we
Weichsler beschloß, einen Kompromiß mit sich selbst zu schließen. Er hatte sich selbst zwar schon fast davon überzeugt, daß er nur einerTäuschung und dem Zustand seines überstrapazierten Nervensystems aufgesessen war, aber er ging trotzdem zurTür zurück, schloß sie sorgfältig ab und bega
Allmählich hatte er das Gefühl, sich lächerlich zu machen. Gottlob war ja niemand hier, der über ihn lachen ko
Trotzdem brachte er seine Inspektion sorgsam zu Ende und kontrollierte am Schluß auch noch die beiden einzigenTüren, die es außer dem Eingang gab. Die eine führte zu einem kleinen Raum, in dem Matten, Bälle und all die anderen Sportgeräte aufbewahrt wurden, die man in einerTurnhalle vorzufinden erwartete. Weichsler hatte ihn zu Begi
Die andere führte zu den Umkleideräumen und den Toiletten. Weichsler durchsuchte beides gründlich und scheute auch nicht die Mühe, wahllos einige der Spinde zu öffnen und hineinzusehen. Als er mit seiner Inspektion fertig war, hatte er noch zwanzig Minuten Zeit bis zur Wachablösung, aber er war jetzt wenigstens sicher, daß außer ihm keine lebende Seele in derTurnhalle weilte.
Niemand bis auf den Ma
Es war wie ein Schlag in die Magengrube. Weichsler war für eine Sekunde vollkommen schockiert; so sehr, daß er einfach dastand und die Gestalt anstarrte, ohne überhaupt zu begreifen, was er sah. Aber da
»Keine Bewegung! We
Der Fremde rührte sich tatsächlich nicht, aber Weichsler hatte das sonderbare Gefühl, daß das weniger an seinen Worten lag, sondern vielmehr daran, daß er viel zu sehr auf das konzentriert war, was er tat. Weichsler hatte laut genug gesprochen, um fast zu schreien, aber er schien ihn gar nicht gehört zu haben.
»Sie da! Weg von der Liege! Zurück! Und drehen Sie sich herum – ganz langsam! «
Diesmal hatte er geschrien, aber der Bursche zuckte nicht einmal. Weichsler spürte, wie jeder einzelne Nerv in seinem Körper zu vibrieren bega
Aber er würde es tun, we
–genau in diesem Moment richtete sich der Fremde auf, trat einen halben Schritt von der Liege zurück und drehte sich zu ihm herum.
Weichsler riß erstaunt die Augen auf. Bisher hatte er im Grunde nur einen hellen Schemen gesehen, der sich über die Liege beugte, aber jetzt ko
»Wer sind Sie?« fragte Weichsler nervös. »Wie kommen Sie hier herein, und was tun Sie hier?« Obwohl er drei Fragen auf einmal gestellt hatte, gab er dem anderen nicht einmal die Gelegenheit, auf eine davon zu antworten, sondern trat auf ihn zu und winkte herrisch mit der Waffe.
»Zurück da! Treten Sie von der Liege zurück, und ganz vorsichtig! Ich will Ihre Hände sehen!
Der andere rührte sich nicht. Er sah Weichsler sehr aufmerksam, aber ohne eine Spur von Schrecken oder gar Furcht an. Seine Augen waren seltsam: dunkel und auf eine beunruhigende Weise klar, aber zugleich auch irgendwie verschleiert, als hätte er auf eine Art zu sehen gelernt, die anders war als die Weichslers, zugleich aber beinahe verlernt, Dinge wirklich wahrzunehmen.
Wer war dieser Kerl? So eine Art verrückter Hare-KrishnaBruder?
»Verdammt noch mal, du sollst einen Schritt zurücktreten! « sagte Weichsler gepreßt. »Du mußt lebensmüde sein! Das hier ist militärisches Sperrgebiet, ist dir das klar? Wir haben Schießbefehl! «
Er unterstrich seine Worte mit einer weiteren drohenden Bewegung mit dem Gewehr, und diesmal erreichte er zumindest eine Reaktion, we
Der Blick der beunruhigenden dunklen Augen folgte der Bewegung und blieb schließlich auf der Waffe hängen. Aber er wirkte immer noch nicht erschrocken, sondern allenfalls neugierig-interessiert. Der Kerl nahm ihn entweder nicht ernst, oder er hatte noch nie im Leben eine Waffe gesehen.
Da
Der Leichensack, über den sich der Fremde gebeugt hatte, war offen. Der Kunststoff-Reißverschluß war heruntergezogen, so daß er Gesicht und Schultern des Ma
»Was, zumTeufel – ?« Weichsler fuhr wieder zu dem Fremden herum und richtete den Gewehrlauf nun direkt auf sein Gesicht. Eine jähe Woge heißer Wut kochte in ihm empor und für einen winzigen, aber furchtbaren Moment mußte er sich mit aller Macht beherrschen, um dem Kerl nicht den Gewehrkolben ins Gesicht zu schlagen.
»Was hat das zu bedeuten?« fragte er mit zitternder Stimme. »Was soll das alles hier? Wofür hältst du dich? Für jemanden, der keinen Respekt vor denToten zu haben braucht?«
Er bekam auch jetzt keine Antwort, aber in den Augen des anderen glomm etwas auf, das vielleicht ein Lächeln sein ko
Er lief nicht etwa davon oder verblaßte oder verging in Rauch und Feuer. Er war einfach weg, von einem Sekunden Bruchteil zum anderen, lautlos und vollkommen undramatisch, und vielleicht gerade deshalb um so beeindruckender. Weichsler starrte die Stelle, wo der Fremde gestanden hatte, eine geschlagene halbe Minute lang an, ehe er auch nur fähig war zu blinzeln. Er war nicht einmal wirklich erschrocken. Und er war nicht im geringsten überrascht, als er sich schließlich umwandte und sah, daß der schwarze Plastiksack hinter ihm geschlossen war.