Страница 23 из 40
»Ja, das sind wir. Der Teufel ist der Geist, und seine unglücklichen Kinder sind wir. Wir sind aus der Natur herausgefallen und hängen im Leeren. Aber nun fällt mir etwas ein: in dem Steppenwolftraktat, von dem ich dir erzählt habe, steht etwas darüber, daß es nur eine Einbildung von Harry sei, we
»Das gefällt mir sehr«, rief Hermine. »Bei dir zum Beispiel ist das Geistige sehr hoch ausgebildet, und dafür bist du in allerlei kleinen Lebenskünsten sehr zurückgeblieben. Der Denker Harry ist hundert Jahre alt, aber der Tänzer ist kaum erst einen halben Tag alt. Den wollen wir jetzt weiterbringen und alle seine kleinen Brüderlein, die ebenso klein und dumm und unerwachsen sind wie er.«
Lächelnd sah sie mich an. Und fragte leise, mit veränderter Stimme:
»Und wie hat de
»Maria? Wer ist das?«
»Das ist die, mit der du getanzt hast. Ein schönes Mädchen, ein sehr schönes Mädchen. Du warst ein wenig in sie verliebt, soviel ich sehen ko
»Ke
»O ja, wir ke
»Sie gefiel mir, und ich war froh, daß sie mit meinem Tanzen so nachsichtig war.«
»Na, we
»Ach, das ist nicht mein Ehrgeiz.«
»Jetzt lügst du ein wenig. Ich weiß ja, du hast irgendwo in der Welt eine Geliebte sitzen und siehst sie alle halbe Jahre einmal, um dich da
»Hermine«, rief ich gepeinigt, »sieh mich doch an, ich bin ein alter Ma
»Ein kleiner Junge bist du. Und ebenso, wie du zu bequem warst, um tanzen zu lernen, bis es beinahe zu spät war, so warst du auch zu bequem, um lieben zu lernen. Ideal und tragisch lieben, o Freund, das ka
»Ausgezeichnet.«
»Siehst du, das ist auch ein Fortschritt, du hast zugelernt. Bisher hast du alle diese Tanz- und Jazzmusik nicht leiden kö
Wie das Grammophon die Luft von asketischer Geistigkeit in meinem Studierzimmer verdarb, wie die amerikanischen Tänze fremd und störend, ja vernichtend in meine gepflegte Musikwelt drangen, so drang von allen Seiten Neues, Gefürchtetes, Auflösendes in mein bisher so scharf umrissenes und so streng abgeschlossenes Leben. Der Steppenwolftraktat und Hermine hatten recht mit ihrer Lehre von den tausend Seelen, täglich zeigten sich neben all den alten noch einige neue Seelen in mir, machten Ansprüche, machten Lärm, und ich sah nun deutlich wie ein Bild vor mir den Wahn meiner bisherigen Persönlichkeit. Die paar Fähigkeiten und Übungen, in denen ich zufällig stark war, hatte ich allein gelten lassen und hatte das Bild eines Harry gemalt und das Leben eines Harry gelebt, der eigentlich nichts war als ein sehr zart ausgebildeter Spezialist für Dichtung, Musik und Philosophie – den ganzen Rest meiner Person, das ganze übrige Chaos von Fähigkeiten, Trieben, Strebungen hatte ich als lästig empfunden und mit dem Namen Steppenwolf belegt.
Indessen war diese Bekehrung von meinem Wahn, diese Auflösung meiner Persönlichkeit keineswegs nur ein angenehmes und amüsantes Abenteuer, sie war im Gegenteil oft bitter schmerzhaft, oft nahzu unerträglich. Das Grammophon klang oft wahrhaft teuflisch inmitten dieser Umgebung, wo alles auf so andre Töne gestimmt war. Und manchmal, we
Mit der fortschreitenden Zerstörung dessen, was ich früher meine Persönlichkeit gena
Immer wieder traf ich mit dem Musikanten Pablo zusammen, und mein Urteil über ihn mußte schon darum revidiert werden, weil Hermine ihn so gern hatte und seine Gesellschaft eifrig suchte. Ich hatte Pablo in meinem Gedächtnis als eine hübsche Null verzeichnet, einen kleinen, etwas eitlen Beau, ein vergnügtes und problemloses Kind, das mit Freude in seine Jahrmarktstrompete faucht und mit Lob und Schokolade leicht zu regieren ist. Aber Pablo fragte nicht nach meinen Urteilen, sie waren ihm ebenso gleichgültig wie meine musikalischen Theorien. Höflich und freundlich hörte er mich an immerzu lächelnd, gab jedoch nie eine wirkliche Antwort. Dagegen schien ich trotzdem sein Interesse erregt zu haben, er gab sich sichtlich Mühe, mir zu gefallen und mir Wohlwollen zu zeigen. Als ich bei einem dieser ergebnislosen Gespräche einmal gereizt und beinahe grob wurde, sah er mir bestürzt und traurig ins Gesicht, nahm meine linke Hand und streichelte sie, und bot mir aus einer kleinen vergoldeten Dose etwas zum Schnupfen an, das werde mir gut tun. Ich fragte Hermine mit einem Blick, sie nickte ja, und ich nahm und schnupfte. In der Tat wurde ich in kurzem frischer und munterer, wahrscheinlich war etwas Kokain in dem Pulver gewesen. Hermine erzählte mir, daß Pablo viele solche Mittel habe, die er auf geheimen Wegen erhalte, die er zuweilen Freunden vorsetze und in deren Mischung und Dosierung er ein Meister sei: Mittel zum Betäuben von Schmerzen, zum Schlafen, zur Erzeugung schöner Träume, zum Lustigmachen, zum Verliebtmachen.
Einmal traf ich ihn auf der Straße, am Kai, und er schloß sich mir ohne weiteres an. Diesmal gelang es mir endlich, ihn zum Sprechen zu bringen.
»Herr Pablo«, sagte ich zu ihm, der mit einem dü