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In der Tat war kein ernstes Wort mehr mit dem Ma

Goethe lachte laut. Er ging zu seinem Tisch, schloß ein Schubfach auf, nahm eine kostbare, lederne oder samtene Dose heraus, öffnete sie und hielt sie mir unter die Augen. Da lag klein, tadellos und schimmernd ein winziges Frauenbein auf dem dunklen Samt, ein entzückendes Bein, im Knie ein wenig gebogen, der Fuß nach unten gestreckt, in die zierlichsten Zehen spitz auslaufend. Ich streckte die Hand aus und wollte das kleine Bein an mich nehmen, das mich ganz verliebt machte, aber sowie ich mit zwei Fingern zugreifen wollte, schien das Spielzeug sich mit einem winzigen Zuck zu bewegen, und es kam mir plötzlich der Verdacht, dies kö

Als ich erwachte, hatte ich den Traum vergessen, erst später fiel er mir wieder ein. Ich hatte wohl gegen eine Stunde geschlafen, mitten in Musik und Getriebe, am Wirtshaustisch, nie hätte ich das für möglich gehalten. Das liebe Mädchen stand vor mir, eine Hand auf meiner Schulter.

»Gib mir zwei oder drei Mark«, sagte sie, »ich habe drüben etwas verzehrt.«

Ich gab ihr meinen Geldbeutel, sie ging damit und kam bald wieder.

»So, jetzt ka

Ich erschrak. »Mit wem de

»Mit einem Herrn, kleiner Harry. Er hat mich in die Odeon-Bar eingeladen.«

»Oh, ich dachte, du würdest mich nicht allein lassen.«

»Da

Dies alles hatte ich nicht bedacht.

»Ach«, sagte ich bittend, »laß dich doch von mir einladen! Ich hielt das für selbstverständlich, wir sind doch Freunde geworden. Laß dich einladen, wohin du willst, ich bitte dich.«

»Das ist nett von dir. Aber schau, ein Wort ist ein Wort, ich habe angenommen, und ich werde hingehen. Gib dir keine Mühe mehr! Komm, nimm noch einen Schluck, wir haben ja noch Wein in der Flasche. Den trinkst du aus und gehst da

»Nein, du, nach Hause ka

»Ach du, mit deinen Geschichten! Bist du noch immer nicht mit dem Goethe fertig?« (In diesem Augenblick fiel mir der Goethetraum wieder ein.) »Aber we

Ich war damit zufrieden und fragte, wo ich sie wiedersehen kö

»Darf ich dich nicht einladen?«

»Wohin?«

»Wohin du magst und wa

»Gut. Am Dienstag zum Abendessen im Alten Franziskaner, im ersten Stock. Auf Wiedersehen!«

Sie gab mir die Hand, und erst jetzt fiel diese Hand mir auf, eine Hand, die ganz zu ihrer Stimme paßte, schön und voll, klug und gütig. Sie lachte spöttisch, als ich ihr die Hand küßte.

Und im letzten Augenblick wandte sie sich nochmals zu mir um und sagte: »Ich will dir noch etwas sagen, wegen des Goethe. Schau, so, wie es dir mit dem Goethe gegangen ist, daß du das Bild von ihm nicht vertragen ko

»Den Heiligen? Bist du so fromm?«

»Nein, ich bin nicht fromm, leider, aber ich bin es einmal gewesen und werde es einmal wieder sein. Man hat ja keine Zeit zum Frommsein.«

»Keine Zeit? Braucht man de

»O ja. Zum Frommsein braucht man Zeit, man braucht sogar noch mehr: Unabhängigkeit von der Zeit! Du ka

»Ich verstehe. Aber wie ist das mit den Heiligen?«

»Ja, da gibt es manche Heilige, die habe ich besonders gern: den Stefan, den heiligen Franz und andere. Von ihnen sehe ich nun manchmal Bilder und auch vom Heiland und der Muttergottes, solche verlogene, verfälschte, verdummte Bilder, und die ka

Sie ging, und mich führte ein greiser Hausdiener zwei Treppen hinauf, vielmehr, erst fragte er nach meinem Gepäck, und als er hörte, es sei keines da, mußte ich das, was er »Schlafgeld« na

Und schon schlief ich wieder, schlief vier, fünf Stunden. Es war zehn Uhr vorüber, als ich aufwachte, in zerknitterten Kleidern, zerschlagen, müde, die Eri

Auf der Treppe, oberhalb der Araukarie, traf ich mit der »Tante« zusammen, meiner Vermieterin, die ich selten zu Gesicht bekam, deren freundliches Wesen mir aber sehr gefiel. Die Begegnung war mir nicht angenehm, ich war immerhin etwas verwahrlost und übernächtig, nicht gekämmt und nicht rasiert. Ich grüßte und wollte vorübergehen. Sonst respektierte sie mein Verlangen nach Alleinbleiben und Nichtbeachtetwerden stets, heut aber schien in der Tat zwischen mir und der Umwelt ein Schleier zerrissen, eine Schranke gefallen zu sein – sie lachte und blieb stehen.

»Sie haben gebummelt, Herr Haller, Sie waren ja heut nacht gar nicht im Bett. Sie werden schön müde sein.«

»Ja«, sagte ich und mußte auch lachen. »Es ging heut nacht etwas lebhaft zu, und weil ich den Stil Ihres Hauses nicht stören wollte, schlief ich in einem Hotel. Mein Respekt vor der Ruhe und Achtbarkeit Ihres Hauses ist groß, manchmal komme ich mir darin sehr wie ein Fremdkörper vor.«

»Spotten Sie nicht, Herr Haller!«

»Oh, ich spotte bloß über mich selber.«

»Eben das sollten Sie nicht tun. Sie sollen sich in meinem Haus nicht als ‚Fremdkörper' fühlen. Sie sollen leben, wie es Ihnen gefällt, und treiben, was Sie mögen. Ich habe schon manche sehr, sehr achtbare Mieter gehabt, Juwelen an Achtbarkeit, aber keiner war ruhiger und hat uns weniger gestört als Sie. Und jetzt – wollen Sie einen Tee haben?«

Ich widerstand nicht. In ihrem Salon mit den schönen Großväterbildern und Großvätermöbeln bekam ich Tee vorgesetzt, und wir schwatzten ein wenig, die freundliche Frau erfuhr, ohne eigentlich zu fragen, dies und jenes aus meinem Leben und meinen Gedanken und hörte zu mit der Mischung von Achtung und mütterlichem Nicht-ganz-ernst-Nehmen, welche kluge Frauen für die Verschrobenheiten der Mä