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»Du bist brav«, meinte sie ermunternd, »du machst es einem nicht schwer. Wollen wir wetten, daß es lange her ist, seit du zum letztenmal jemandem hast gehorchen müssen?«

»Ja, Sie haben die Wette gewo

»Keine Kunst. Gehorchen ist wie Essen und Trinken – wer es lang entbehrt hat, dem geht nichts darüber. Nicht wahr, du gehorchst mir gern?«

»Sehr gern. Sie wissen alles.«

»Du machst es einem leicht. Vielleicht, Freund, kö

»Oh«, rief ich, »we

»Nun, du wirst sehen, daß es kinderleicht ist. Den Anfang haben wir schon gemacht, du hast deine Brille geputzt, hast gegessen, hast getrunken. Jetzt gehen wir und bürsten deine Hosen und Schuhe ein wenig, sie haben es nötig. Und da

»Da sehen Sie«, rief ich eifrig, »daß ich doch recht hatte! Nichts tut mir mehr leid, als einen Befehl von Ihnen nicht ausführen zu kö

»Langsam«, rief sie, »langsam! Du ka

»We

»Aber lesen und schreiben hast du gelernt, gelt, und rechnen und wahrscheinlich auch noch Latein und Französisch und allerlei solche Sachen? Ich will wetten, du bist zehn oder zwölf Jahre in der Schule gesessen und hast womöglich auch noch studiert und hast vielleicht sogar den Doktortitel und ka

»Es waren meine Eltern«, rechtfertigte ich mich, »sie haben mich Latein und Griechisch und all das Zeug lernen lassen. Aber tanzen lernen ließen sie mich nicht, es war bei uns nicht Mode, meine Eltern haben selber nie getanzt.« Ganz kalt sah sie mich an, voller Verachtung, und wieder sprach aus ihrem Gesicht etwas, was mich an frühe Jugendzeiten eri

»So, also deine Eltern müssen schuldig sein! Hast du sie auch gefragt, ob du heut abend in den Schwarzen Adler gehen dürfest? Hast du? Sie sind schon lange tot, sagst du? Na also! We

»Ach«, gestand ich, »ich weiß es selber nicht mehr. Ich habe studiert, Musik gemacht, Bücher gelesen, Bücher geschrieben, Reisen gemacht –«

»Merkwürdige Ansichten, die du vom Leben hast! Du hast also immer schwierige und komplizierte Sachen getrieben, und die einfachen hast du gar nicht gelernt? Keine Zeit? Keine Lust? Na meinetwegen, Gott sei Dank bin ich nicht deine Mutter. Aber da

»Schelten Sie nicht!« bat ich. »Ich weiß schon, daß ich verrückt bin.«

»Ach was, sing mir keine Lieder vor! Du bist keineswegs verrückt, Herr Professor, du bist mir sogar viel zu wenig verrückt! Du bist so auf eine dumme Art gescheit, scheint mir, richtig wie ein Professor. Komm, iß noch ein Brötchen. Nachher erzählst du weiter.«

Sie besorgte mir nochmals ein Brötchen, tat etwas Salz daran, strich ein wenig Senf darauf, schnitt ein Stückchen für sich selber ab und hieß mich essen. Ich aß. Ich hätte alles getan, was sie mich geheißen hätte, alles außer Tanzen. Es tat ungeheuer wohl, jemand zu gehorchen, neben jemand zu sitzen, der einen ausfragte, einem befahl, einen ausschalt. Hätte der Professor oder seine Frau das vor ein paar Stunden getan, es wäre mir viel erspart geblieben. Aber nein, es war gut so, es wäre mir viel entgangen!

»Wie heißt du eigentlich?« fragte sie plötzlich. »Harry.«

»Harry? Ein Bube

»Ich habe keine Frau mehr, wir sind geschieden. Einen Schatz habe ich schon, aber er wohnt nicht hier, ich sehe ihn nur selten, wir kommen nicht sehr gut miteinander aus.«

Sie pfiff leise durch die Zähne.

»Du scheinst ein recht schwieriger Herr zu sein, daß keine bei dir bleibt. Aber sag jetzt: was war de

Das war nun schwierig zu sagen.

»Sehen Sie«, fing ich an, »es war eigentlich eine Kleinigkeit. Ich war eingeladen, bei einem Professor – ich selber bin aber keiner –, und eigentlich hätte ich gar nicht hingehen sollen, ich bin es nicht mehr gewohnt, so bei Leuten zu sitzen und zu schwatzen, ich habe es verlernt. Ich ging auch schon in das Haus hinein mit dem Gefühl, es werde nicht gut gehen – als ich meinen Hut aufhängte, kam mir schon der Gedanke, ich würde ihn vielleicht schon bald wieder brauchen. Ja, und bei diesem Professor also, da stand auf dem Tisch so ein Bild herum, ein dummes Bild, das mich ärgerte …«

»Was für ein Bild? Warum ärgerte?« unterbrach sie mich.

»Ja, es war ein Bild, das den Goethe vorstellte – wissen Sie, den Dichter Goethe. Er war aber darauf nicht so, wie er wirklich ausgesehen hat – das weiß man nämlich überhaupt nicht genau, er ist seit hundert Jahren tot. Sondern irgendein moderner Maler hatte den Goethe da so zurechtfrisiert, wie er sich ihn vorstellt, und dieses Bild ärgerte mich und war mir scheußlich zuwider – ich weiß nicht, ob Sie das verstehen?«

»Ka

»Schon vorher war ich mit dem Professor uneins; er ist, wie die Professoren fast alle, ein großer Patriot und hat während des Krieges brav mitgeholfen, das Volk anzulügen – im besten Glauben natürlich. Ich aber bin ein Kriegsgegner. Na, einerlei. Also weiter. Ich hätte ja das Bild gar nicht anzusehen brauchen …«

»Hättest du allerdings nicht.«

»Aber erstens tat es mir wegen Goethe leid, der ist mir nämlich sehr, sehr lieb, und da

»Leicht zu begreifen, Harry. Und da

»Nein, ich habe geschimpft und bin fortgelaufen, ich wollte nach Hause, aber –«

»Aber da wäre keine Mama gewesen, um den dummen Buben zu trösten oder auszuschelten. Nun ja, Harry, du tust mir beinahe leid, du bist ein Kindskopf ohnegleichen.«

Gewiß, das sah ich ein, wie mir schien. Sie gab mir ein Glas Wein zu trinken. Sie war in der Tat wie eine Mama mit mir. Zwischenein aber sah ich für Augenblicke, wie schön und jung sie war.

»Also«, fing sie da

»O ja«, bat ich zufrieden, »sagen Sie mir nur alles.«

»Was soll ich dir sagen?«

»Alles, was Sie mögen.«

»Gut, ich sage dir etwas. Seit einer Stunde hörst du, daß ich du zu dir sage, und du sagst immer noch Sie zu mir. Immer Lateinisch und Griechisch, immer möglichst kompliziert! We

»O doch, sehr gern will ich es wissen.«