Добавить в цитаты Настройки чтения

Страница 28 из 61

Zehntes Kapitel

Wieder trieb das Eis die Flüsse hinab, wieder duftete es unterm faulen Laub nach Veilchen, wieder lief Goldmund durch die bunten Jahreszeiten, trank mit unersättlichen Augen die Wälder, Berge und Wolken in sich ein, wanderte von Hof zu Hof, von Dorf zu Dorf, von Frau zu Frau, saß manchen kühlen Abend beklommen und mit Weh im Herzen zu Füßen eines Fensters, hinter dem Licht bra

Mancher Regen und mancher Schnee war auf Goldmund gefallen, als er eines Tages durch einen lichten, aber schon hellgrün knospenden Buchenwald bergaufwärts stieg und oben vom Kamm des Berges aus eine neue Landschaft vor sich liegen sah, die seine Augen froh machte und in seinem Herzen eine Flut von Ahnungen, Begierden und Hoffnungen erregte. Seit Tagen wußte er sich dieser Gegend nahe und erwartete sie, nun überraschte sie ihn in dieser Mittagsstunde, und was er von ihr bei dieser ersten Begegnung durchs Auge empfing, das bestätigte und bestärkte seine Erwartungen. Er sah zwischen den grauen Stämmen und dem sacht wehenden Gezweige in ein braun und grünes Tal hinab, in dessen Mitte ein breiter Strom bläulichglasig schimmerte. Nun, so wußte er, war es für lange Zeit zu Ende mit dem Wandern ohne Straße, durch Gegenden voll Heide, Wald und Einsamkeit, wo nur selten ein Hof oder ein armes Dörfchen anzutreffen war. Da unten strömte der Fluß, und den Fluß entlang führte eine der schönsten und berühmtesten Straßen des Reichs, da lag ein reiches fettes Land, da fuhren Flöße und Boote, und die Straße führte zu schönen Dörfern, Burgen, Klöstern und reichen Städten, und wer wollte, der ko

Schon am Abend dieses Tages war er in einem schönen Dorf, das lag zwischen dem Strom und den roten Rebenhängen an der großen Fahrstraße, an den Giebelhäusern war das hübsche Balkenwerk rot gestrichen, es gab gewölbte Einfahrtstore und steinerne Treppengäßchen, eine Schmiede warf roten Feuerschein auf die Straße und helles Amboßgeläute. Neugierig trieb sich der Ankömmling in allen Gassen und Winkeln herum, schnupperte an Kellertoren den Fässer- und Weingeruch und am Flußufer den kühlen fischigen Wasserduft, betrachtete Gotteshaus und Friedhof und unterließ nicht, sich nach einer günstigen Scheune umzusehen, wo man vielleicht für die Nacht einsteigen kö

In einer Mühle eine junge Magd gefiel ihm so sehr, daß er zwei Tage in der Gegend blieb und sie umstrich; sie lachte und schwatzte gerne mit ihm, ihm schien, er wäre am liebsten ein Müllerbursch und bliebe immer dort. Er saß bei den Fischern, er half den Fuhrleuten beim Füttern und Striegeln, bekam Brot und Fleisch dafür und durfte mitfahren. Nach langem Alleinsein diese gesellige Reisewelt, nach langem Grübeln die Heiterkeit zwischen gesprächigen und vergnügten Menschen, nach langem Darben das tägliche Sattwerden an reichlicher Speise tat ihm wohl, gern ließ er sich von der frohen Welle tragen. Sie nahm ihn mit, und je mehr er sich der Bischofsstadt näherte, desto voller und heiterer wurde die Landstraße.

In einem Dorfe ging er, als es eben nachtete, unter schon belaubten Bäumen am Wasser lustwandeln. Still und mächtig strömte der Fluß, unter den Baumwurzeln rauschte und seufzte die Strömung, über den Hügel kam der Mond herauf, warf Lichter auf den Fluß und Schatten unter die Bäume. Da fand er ein Mädchen sitzen und weinen, sie hatte Streit mit ihrem Liebsten gehabt, nun war er fort und hatte sie allein gelassen. Goldmund setzte sich zu ihr und hörte ihre Klagen an, er streichelte ihre Hand, erzählte ihr vom Wald und von den Rehen, tröstete sie ein wenig, brachte sie ein wenig zum Lachen, und sie ließ sich einen Kuß gefallen. Aber da kam ihr Schatz wieder gegangen, sie zu suchen; er hatte sich beruhigt und den Zank bereut. Als er Goldmund bei ihr sitzen fand, warf er sich alsbald über ihn und schlug mit beiden Fäusten auf ihn ein, Goldmund hatte Mühe, sich zu erwehren, schließlich wurde er doch mit ihm fertig, fluchend lief der Bursche ins Dorf, das Mädchen war längst fortgeflohen. Goldmund aber, dem Frieden nicht trauend, ließ sein Nachtlager im Stich und wanderte die halbe Nacht im Mondschein weiter, durch eine silberne schweigende Welt, sehr zufrieden, seiner starken Beine froh, bis der Tau ihm den weißen Staub von den Schuhen wusch und er, plötzlich müd geworden, sich unter den nächsten Baum legte und einschlief. Längst war es Tag, da weckte ihn ein Kitzeln im Gesicht, er scheuchte schlaftrunken mit tappender Hand darüber, schlief wieder ein, wurde bald vom selben Kitzeln aufs neue geweckt; da stand eine Bauernmagd, die sah ihn an und kitzelte ihn mit der Spitze einer Weidengerte. Er taumelte auf, lächelnd nickten sie einander zu, und sie führte ihn in einen Schuppen, wo es besser zu schlafen sei. Sie schliefen eine Weile dort, beide beieinander, da

Am Abend jenes Tages fand er in einem Kloster Obdach, wohnte am Morgen der Messe bei; wunderlich wallte es in seinem Herzen von tausend Eri

Da er endlich doch gehen wollte, stand hinter ihm der Pater, dem er vorher gebeichtet hatte. »Du findest sie schön?« fragte er freundlich. »Unaussprechlich schön«, sagte Goldmund. »Manche sagen das«, sagte der Geistliche. »Und wieder andere sagen, das sei keine rechte Mutter Gottes, sie sei viel zu neumodisch und weltlich, und alles sei übertrieben und unwahr. Man hört viel darüber streiten. Dir also gefällt sie, das freut mich. Sie steht erst seit einem Jahr in unserer Kirche, ein Gö

»Meister Niklaus? Wer ist das, wo ist er? Ke

»Ich weiß nicht viel von ihm. Er ist Bildschnitzer in unserer Bischofsstadt, eine Tagreise von hier, und hat als Künstler einen großen Ruf. Künstler pflegen keine Heilige zu sein, und auch er ist wohl keiner, aber ein begabter und hochgesi

»Oh, Ihr habt ihn gesehen! Oh, wie sieht er aus?«

»Mein Sohn, du scheinst ja ganz bezaubert von ihm zu sein. Nun, so suche ihn auf und sage ihm einen Gruß von Pater Bonifazius.«

Goldmund dankte überschwenglich. Lächelnd ging der Pater davon, er aber stand noch lange vor dieser geheimnisvollen Figur, deren Brust zu atmen schien und in deren Gesicht so viel Schmerz und so viel Süße beisammenwohnte, daß es ihm das Herz zusammenzog.

Verwandelt trat er aus der Kirche, durch eine ganz und gar veränderte Welt trugen ihn seine Schritte. Seit jenem Augenblick vor der süßen, heiligen Figur aus Holz besaß Goldmund etwas, was er noch nie besessen, was er an andern so oft belächelt oder beneidet hatte: ein Ziel! Er hatte ein Ziel, und vielleicht würde er es erreichen, und vielleicht würde da