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In der Zwischenzeit »vagabundierte« die Jacare, mit spärlicher Takelage und halblangen Masten, ohne Kurs und Ziel, durch die ruhigen Gewässer der Karibik und lauerte wie ein Krokodil auf eine Beute, die so unvorsichtig war, den Weg des Schiffs zu kreuzen.
Niemand an Bord ließ sich jemals auch nur das geringste Anzeichen von Ungeduld anmerken. Der erfahrene Kapitän hatte also seine Besatzung gut ausgewählt. Viele Stunden mußten die müßigen Piraten beim Würfelspiel totschlagen.
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Obwohl die Neuankömmlinge wußten, daß sie in gefährlichen Gewässern segelten, brauchten sie eine geschlagene Stunde, bis sie bemerkten, daß auf ihrem Kurs ein Schiff mit niedriger Reling im Wasser trieb. Als sie es schließlich ausmachten, änderten sie lediglich ihren Kurs um drei Grad Süd, um einer unangenehmen Überraschung aus dem Weg zu gehen.
Kapitän Jack musterte die Neuankömmlinge mit seinem schweren Fernglas, während Sebastián das Herz bis zum Hals schlug.
Sein Vater zeigte nicht die geringste Regung.
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»Die guten Schiffe kommen nicht, sie fahren.«
»Fahren? Wohin?«
»Nach Spanien. Die Schiffe, die fahren, haben Gold, Silber, Perlen und Smaragde an Bord. Die Schiffe, die kommen, haben nur Schweine, Kühe, Piken und Schaufeln geladen. Der Kahn hier ist nur vom Kurs abgekommen.«
Als hätte er seinen Wortschatz für diese Woche bereits verbraucht, drehte er sich um und verschwand in Richtung Achterdeck. Regungslos blieb der Junge stehen und schaute zu, wie ein Märchenschiff, von dessen phantastischer Ladung die Leute von Margarita fast nur träumen ko
Sebastián wartete über zwei Stunden, bis der schwitzende Kapitän seine lange Siesta beendet hatte. Da
»Für die Ladung dieses Potts würde man auf Margarita über tausend gute Perlen bekommen.«
Der kahle Dickwanst betrachtete ihn aus den Augenwinkeln.
»Was willst du damit andeuten?«
»Daß ich es absurd finde, auf eine Beute zu warten, die vielleicht erst in Monaten auftaucht, während hier gerade ein Vermögen davonsegelt.«
»Hältst du mich für einen Trottel?« erregte sich der andere. »Ich greife nur Schiffe an, die nach Europa fahren. Es sei de
»Ich rede nicht von der Besatzung, sondern von der Ladung«, beharrte der unerschütterliche Junge. »Eine gute Machete kostet in Juan Griego mindestens zwei Perlen, und dieses Schiff muß Dutzende davon geladen haben.«
»Ka
»Aber nein!« räumte der Junge todernst ein. »Natürlich geht das nicht. Hauptma
Jetzt war es Sebastian, der sich umdrehte, um sich zu seinem Vater zu setzen. Doch dabei ließ er den Schotten nicht aus den Augen, der offenbar schwer an den Worten des Jungen zu kauen hatte.
Als der Horizont nur noch eine rötliche Linie war, hinter der das Schiff verschwunden war, schwang Kapitän Jacare Jack seinen riesigen Hintern aus der Hängematte, setzte sich auf die Reling des Achterkastells und ließ eine mächtige Stimme erschallen, die nur bei Befehlen zum Einsatz kam.
»Die Masten hoch! Alle Segel setzen! Steuer hart Backbord! Wir machen Jagd auf diese Idioten!«
»Auf einen rostigen Pott?« wunderte sich der Steuerma
»Von wegen Pott, du Schwachkopf!« lautete die Antwort. »Auf tausend Perlen!«
Für den jungen Sebastian Heredia war es ein unvergeßliches Schauspiel, wie sich die bis dahin apathische Besatzung der Jacare plötzlich auf die Taue und Segel stürzte. Jeder wußte offensichtlich genau, was er zu tun hatte, und stellte sich dabei so geschickt an, daß zehn Minuten später der schneidige Bug des Schiffes wie die Rückenflosse eines verrückt gewordenen Delphins durch die Wogen glitt.
Die Jacare legte sich so steil nach Steuerbord, daß beinahe Wasser auf Deck strömte, und während sich der größte Teil der Ma
Die Nacht brach herein, ohne daß sie ihre Beute entdeckt hätten. Um das Schiff wieder in eine stabile Lage zu bringen, nahm man etwas Fahrt zurück. Drei Stunden später meldete der Ausguck einen Lichtschein direkt voraus. Der Kapitän ließ daraufhin alle Lichter löschen und befahl absolute Ruhe. Man beschränkte sich darauf, dem Lichtschein des Seelenverkäufers zu folgen, ohne daß dieser etwas von der Anwesenheit des Piratenschiffs ahnte.
Bei Morgengrauen hatte sich die Jacare bis auf eine halbe Seemeile an das Achterdeck des Schiffs herangeschlichen. Nunmehr ließ Kapitän Jacare Jack seine Kriegsflagge hissen und einen Warnschuß abfeuern.
Als der Kapitän der Nueva Esperanza die 32 riesigen Kanonen und die schwarze Flagge erblickte, traf er eine kluge Entscheidung: die Segel zu streichen und an Ort und Stelle zu verharren. Man mußte kein genialer Seestratege sein, um einzusehen, daß es reinen Selbstmord bedeutet hätte, sich auf eine Schlacht einzulassen.
Nach den ungeschriebenen Gesetzen des Meeres mußte ein Pirat einen Feind schonen, der sich ihm bedingungslos ergeben hatte, und wer immer in der Karibik segelte, wußte, daß die Flagge mit dem Krokodil, das einen Totenkopf im Rachen hatte, einem schottischen Kapitän gehörte, der diese Gesetze stets respektiert hatte.
Die Piraten hißten nämlich nicht, wie allgemein irrtümlich angenommen wird, alle die gleiche schwarze Fahne mit Totenkopf und gekreuzten Knochen. Diese gehörte eigentlich nur einem stelzbeinigen Iren namens Edward England, mit dem Beinamen »Kapitän ohne Schiff«, einem armen Teufel, der so gutmütig war, daß ihn seine blutrünstigen Begleiter schließlich an einem einsamen Strand von Madagaskar aussetzten. Dort starb er Jahre später, weil er nicht mit den barbarischen Verbrechen fertigwurde, die seine alte Ma
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