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»Ma'am?«
Sie sah wieder auf. Ralph saß jetzt neben Nick, hielt einen Zettel in der Hand und betrachtete ihn blinzelnd im trüben Licht der Petroleumlampe. Nick hielt Schreibblock und Kugelschreiber. Er sah sie immer noch aufmerksam an.
»Nick sagt...« Ralph räusperte sich verlegen.
»Nur weiter.«
»Auf dem Zettel steht, es ist so schwer, Ihnen von den Lippen zu lesen, weil...«
»Ich glaube, ich weiß, warum«, sagte sie. »Keine Angst.«
Sie stand auf und schlurfte zum Schreibpult. Auf dem zweiten Regal darüber stand ein Plastikbehälter, in dem in einer milchigen Flüssigkeit zwei Gebißplatten wie medizinische Ausstellungsstücke schwammen.
Sie fischte sie heraus und spülte sie in einem Krug Wasser ab.
»Mein Gott, habe ich gelitten«, sagte Mutter Abagail kläglich und setzte das Gebiß ein.
»Wir müssen miteinander reden«, sagte sie. »Ihr zwei seid die Anführer, und wir müssen uns über ein paar Dinge klar werden.«
»Nun«, sagte Ralph, »ich nicht. Ich war nie mehr als Vollzeitfabrikarbeiter und Teilzeitfarmer. Ich habe zu meiner Zeit mehr Schwielen als Einfälle gehabt. Ich glaube eher, Nick hat das Sagen.«
»Stimmt das?« fragte sie und sah Nick an.
Nick schrieb kurz, und Ralph las es laut vor, und so hielt er es auch weiterhin.
»Es war meine Idee, hierherzukommen, ja. Aber ob ich der Anführer bin, weiß ich nicht.«
»June und Olivia haben wir etwa neunzig Meilen südlich von hier getroffen«, sagte Ralph. »Das war vorgestern, Nick, nicht?«
Nick nickte.
»Da waren wir schon auf dem Weg zu Ihnen, Mutter. Die Frauen waren auch nach Norden unterwegs. Und Dick. Wir haben uns zusammengetan.«
»Habt ihr sonst noch Leute gesehen?« fragte sie.
»Nein«, schrieb Nick. »Aber ich hatte das Gefühl - Ralph auch -, dass da noch andere waren, die sich versteckt hatten und uns beobachteten. Ich denke, sie hatten Angst. Sie müssen noch den Schock überwinden.«
Sie nickte.
»Dick hat gesagt, am Tag, bevor er uns getroffen hat, hat er irgendwo im Süden ein Motorrad gehört. Also sind noch andere Menschen unterwegs. Ich glaube, eine so große Gruppe macht ihnen angst.«
»Warum seid ihr hergekommen?« Ihre Augen blickten Nick aus einem Gewirr von Runzeln gespa
Nick schrieb: »Ich habe von Ihnen geträumt. Dick Ellis auch einmal, sagt er. Und die kleine Gina na
»Gott segne das Kind«, sagte Mutter Abagail zerstreut. Sie sah Ralph an. »Und du?«
»Ein- oder zweimal, Ma'am«, sagte Ralph. Er fuhr mit der Zunge über die Lippen. »Ich habe hauptsächlich von diesem... von diesem anderen Kerl geträumt.«
»Von welchem Kerl?«
Nick schrieb. Kreiste das Geschriebene ein. Gab es ihr diesmal. Auf die Nähe ko
Die drei eingekreisten Worte waren: Der dunkle Ma
»Ich habe erfahren«, sagte sie, faltete den Zettel zusammen, klappte ihn auf, faltete ihn wieder zusammen und dachte momentan gar nicht an die Schmerzen ihrer Arthritis, »daß wir nach Westen gehen sollen. Das hat mir Gott der Herr im Traum gesagt. Ich wollte nicht darauf hören. Ich bin eine alte Frau und möchte nur auf diesem Stück Land sterben. Es gehört seit hundertzwölf Jahren meiner Familie, aber es ist mir genauso wenig bestimmt, hier zu sterben, wie es Moses bestimmt war, mit den Kindern Israels nach Kanaan zu gehen.«
Sie schwieg. Die beiden Mä
»Schon zwei Jahre bevor diese Seuche ausbrach, hatte ich Träume. Ich habe immer geträumt, und manchmal wurden meine Träume wahr. Weissagungen sind eine Gabe Gottes, jeder hat ein wenig davon. Meine Großmutter na
Sie machte eine Pause.
»Diese Träume, die haben mir angst gemacht. Ich hab' nie einer Menschenseele erzählt, daß ich sie hatte, solche Angst hab' ich gehabt. Mir war etwa so zumute, wie Hiob zumute gewesen sein muß, als Gott aus dem Wirbelwind zu ihm gesprochen hat. Ich hab' sogar so getan, als wären es nur Träume; ich war eine dumme alte Frau, die vor Gott weggelaufen ist wie Jonas. Aber du siehst, der große Fisch hat uns trotzdem verschluckt. Und we
Sie betrachtete Nick, der am Tisch saß und sie mit seinem guten Auge ernst durch den Dunst von Ralph Brentners Zigarettenrauch ansah.
»Ich wußte es, als ich dich gesehen habe«, sagte sie. »Du bist es, Nick. Gott hat seinen Finger auf dein Herz gelegt. Aber er hat mehr als einen Finger, und draußen sind andere, die noch kommen, und auch auf sie hat er seinen Finger gelegt. Ich träume von ihm, wie er immer nach uns sucht, und, Gott vergebe meinem kranken Geist, ich verfluche ihn von ganzem Herzen.« Sie fing an zu weinen und stand auf, um Wasser zu trinken und sich etwas ins Gesicht zu spritzen. Ihre Tränen waren das Menschliche an ihr, schwach und gebrechlich.
Als sie sich wieder umdrehte, schrieb Nick etwas. Schließlich riß er den Zettel ab und gab ihn Ralph.
»Ich weiß nichts von Gott, aber ich weiß, daß etwas im Gange ist. Alle, die wir getroffen haben, waren auf dem Weg nach Norden. Als wüßten Sie die Antwort. Haben Sie auch von den anderen Leuten geträumt? Dick? June oder Olivia? Vielleicht von dem kleinen Mädchen?«
'Von denen nicht. Von einem Ma
»Und Sie glauben, daß es das Richtige wäre, nach Boulder zu gehen?«
Mutter Abagail sagte: »Wir sollendorthin gehen.«
Nick kritzelte einen Moment müßig auf seinem Notizblock herum, da
»Ich weiß, was er vorhat, aber nicht, wer er ist. Er ist das reinste Böse, das es auf der Welt noch gibt. Die übrigen Bösen sind kleine Fische. Ladendiebe und Sexualverbrecher und Leute, die gern die Fäuste gebrauchen. Aber er wird sie rufen. Er hat schon angefangen. Er versammelt sie viel schneller um sich, als wir uns zusammenfinden. Nicht nur die Bösen, die wie er sind, auch die Schwachen... die Einsamen... und diejenigen, die Gott nicht in ihr Herz lassen.«
»Vielleicht gibt es ihn gar nicht«, schrieb Nick. »Vielleicht ist er nur...« Er mußte eine Weile an seinem Stift knabbern und nachdenken. Schließlich fügte er hinzu: »...das Ängstliche, Böse in uns allen. Vielleicht träumen wir nur die Dinge, vor denen wir selbst Angst haben, wir kö