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Als er zwei der Kerzen auf eine Vitrine stellte, fiel sein Blick auf einen gerahmten Druck, der darüber an der Wand hing. Es war eine kunstvoll gestaltete Landkarte Südbrasiliens. Sie zeigte die Aufteilung des Landes in Wohnbereiche, Erholungsgebiete, Arbeitsareale und landwirtschaftliche Nutzflächen, die Straßen, Flüsse und Flughäfen. Er wollte sich schon wieder abwenden, als sein Blick an einem weißen Fleck auf dieser Karte hängenblieb, auf dem stand: Wildnis.
Ihm war, als setze sein Herz einen Schlag lang aus. Unmöglich ko
Wildnis! Gab es also noch Überreste des legendären Amazonas-Dschungels, ungezähmt gebliebene Relikte des ungeheuren Urwalds, der diesen Kontinent einmal überwuchert haben mußte?
Er hob mit bebender Hand eine der beiden Kerzen und sah genauer hin. Kein Zweifel. »Wildnis« stand da, und rings um den weißgebliebenen Fleck auf der Karte menschlichen Einflusses war eine gestrichelte Linie gezogen: die Grenzbefestigungen markierend, mit denen die Zivilisation sich das Ungezähmte, Unheimliche vom Leib hielt. Tonak studierte die Namen der Wohngebiete, die Namen der Strassen und Flüsse. Sein Herz machte einen weiteren Satz – irrte er sich auch nicht? Spielte ihm sein sehnlichster Wunsch auch keinen Streich? Er vergewisserte sich wieder und wieder, aber es schien ihm ganz so, als befänden sie sich hier, in diesem Haus, in unmittelbarer Nähe dieses weißen Flecks, in direkter Nachbarschaft zum Urwald.
Er suchte und fand seine Cousine. »Gham’bia, stimmt das, daß hier ganz in der Nähe die Wildnis begi
»Der Dschungel?« Sie sah ihn mit großen, verständnislosen Augen an. »Ja, der ist auf der anderen Seite des Flusses. Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen, wir sind hier absolut sicher.«
»Wie kommt man dort hin?«
»Wie meinst du das, wie kommt man dort hin?«
»Wohin muß ich gehen, we
»In den Urwald?«
»Ja. In den Dschungel. In die Wildnis.«
Völlige Verständnislosigkeit. »Man ka
»Ist der Dschungel eingezäunt?«
»Nein, aber es gibt einfach keine Brücke über den Fluß. Tonak, was soll das? Was stellst du mir für komische Fragen?«
Tonak sah sie an. »Vergiß es. Es hat mich nur interessiert.«
Sie musterte ihn von oben bis unten aus ihren unergründlichen schwarzen Augen. »Mach bitte keinen Unsi
»Ja, natürlich. Es hat mich nur interessiert.« Er machte, daß er fortkam, ehe er noch mehr preisgab von dem, was in ihm vorging.
»Es regnet!« rief jemand. Tonak sah beinahe automatisch auf seine Uhr: zehn vor elf. Pünktlich wie immer. Zuerst nur kleine, glitzernde Punkte auf den großen Glasscheiben und dunkle Flecken auf der Terasse, da
In dieser Nacht fand Tonak keine Ruhe, und das lag nicht nur an dem engen Gästebett. Der Urwald! Ganz in der Nähe! Das letzte Stück ungezähmter Natur auf der ganzen Welt, und er war nur einen Fußmarsch davon entfernt. Er ko
Wa
Tonak schlug die Decke zurück und setzte sich auf. Es war nackter Wahnsi
Das Haus lag dunkel und still. Später sollte er sich daran eri
Er fand eine der Kerzen, die von der Party übrig geblieben waren, und zündete sie an. In der Küche und im Keller fand er einiges von dem, was er suchte. Er verließ das Haus durch eine der Terassentüren.
Die Nacht war kühler, als er erwartet hatte. Er marschierte entschlossen los, inständig hoffend, daß er sich richtig orientiert hatte. Er stapfte voran, so schnell es ging, und ihm wurde rasch warm.
Er erreichte den Fluß nach ungefähr anderthalb Stunden. Die letzte halbe Stunde hatte er querfeldein gehen müssen, weil kein Weg und keine Strasse zum Flußufer führte. Schließlich kam er bei den Bäumen an, die den Fluß säumten, stolperte die Böschung hinab und stand am Ufer.
Da floß er, träge glitzernd, ein breiter Flußlauf, der die Zivilisation vor dem letzten Dschungel schützte wie ein Burggraben. Tonak hockte sich hin und steckte die Hand ins Wasser. Es war eiskalt.
Darin besteht das Abenteuer, dachte er. Die Herausforderung anzunehmen. Er bega
Schließlich war er nackt. Schlotternd knotete er den Beutel zu, wobei er ein kurzes Seil mit einflocht, dessen anderes Ende er sich um den rechten Oberarm schlang. Er zerrte kräftig an dieser Befestigung, aber sie hielt. Um keinen Preis durfte er diesen Sack verlieren.
Und nun ins Wasser. Er tat zitternd und bebend einen Schritt vor in den Schlamm des Flusses, so daß das Wasser seine Knöchel umspülte. Es war beißend kalt. Noch nie hatte er derartige Kälte am eigenen Leib gespürt. Hätte man ihm das befohlen, was er aus eigenem Entschluß zu tun im Begriff war, er hätte sich mit aller Kraft geweigert. Aber nun stieg ein nie geka
Schritt um Schritt watete er weiter in den Fluß hinein, mit zusammengebissenen Zähnen und am ganzen Leib fröstelnd. Der Strom zerrte gewaltig an ihm, als ihm das Wasser bis zu den Oberschenkeln reichte, und als es tiefer und tiefer wurde, mußte er schließlich ganz eintauchen, was ihm nicht ohne einen Schrei gelang, und loslassen, sich forttragen lassen von der Strömung.
Er schwamm mit kräftigen, gleichmäßigen Zügen. Die Kälte raubte ihm fast den Atem, umschloß ihn mit erbarmungslosem Griff. Aber er spürte eine animalische Wildheit in sich erwachen, eine rohe Entschlossenheit, das andere Ufer zu erreichen, und we
Und da
Er war… draußen!
Nachdem er sich wieder angezogen hatte, drang er behutsam in den Wald vor. Fremdartige Gerüche umfingen ihn, süßliche Düfte, ekelerregende Ausdünstungen, Gerüche von Moder und faulendem Holz. Äste knackten unter seinen Füßen und lösten zischelnde Geräusche irgendwo im Dunkel aus, die ihm Schauder über den Rücken jagten. Ab und zu blieb er stehen und lauschte, am ganzen Körper angespa