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Neunzehntes Kapitel

Zwei Jahre arbeitete Goldmund an diesem Werk, und vom zweiten Jahr an bekam er Erich ganz als Schüler zugewiesen. Im Schnitzwerk der Treppe dichtete er ein kleines Paradies, mit Wollust gestaltete er eine holde Wildnis von Bäumen, Laubwerk und Gekräute, mit Vögeln im Geäste, und die Leiber und Köpfe von Tieren tauchten überall dazwischen auf. Inmitten dieses friedlich sprossenden Urgartens stellte er einige Szenen aus dem Leben der Patriarchen dar. Selten erlitt dies fleißige Leben eine Unterbrechung. Selten kam ein Tag, an dem die Arbeit ihm unmöglich war, an dem Unrast oder Überdruß ihm sein Werk entleideten. Da

Nachdenklich sagte er einmal: »Ich lerne viel von dir, Goldmund. Ich begi

»Du begreifst nun«, sagte Goldmund, »daß ich nicht verstehen ka

»Ich habe es längst begriffen. Unser Denken ist ein beständiges Abstrahieren, ein Wegsehen vom Si

»Ich weiß nicht, Narziß. Aber mit dem Leben fertig zu werden, die Verzweiflung abzuwehren, das scheint euch Denkern und Theologen doch besser zu gelingen. Ich beneide dich längst nicht mehr um deine Wissenschaft, mein Freund, aber ich beneide dich um deine Ruhe, um deinen Gleichmut, um deinen Frieden.«

»Du solltest mich nicht beneiden, Goldmund. Es gibt keinen Frieden, so, wie du es meinst. Es gibt den Frieden, gewiß, aber nicht einen, der dauernd in uns wohnt und uns nicht mehr verläßt. Es gibt nur einen Frieden, der immer und immer wieder mit unablässigem Kämpfen erstritten wird und von Tag zu Tag neu erstritten werden muß. Du siehst mich nicht streiten, du ke

»Wir wollen darüber nicht streiten. Auch du siehst meine Kämpfe nicht alle. Und ich weiß nicht, ob du verstehen ka

»Das mag so sein«, sagte Narziß, »und keiner von uns ka

Einige Wochen später war Goldmunds große Arbeit fertig und aufgestellt. Es wiederholte sich, was er schon längst erlebt hatte: sein Werk ging in den Besitz der andern über, ward betrachtet, beurteilt, gelobt, man rühmte ihn und erwies ihm Ehre; sein Herz aber und seine Werkstatt standen leer, und er wußte nicht mehr, ob das Werk des Opfers wert gewesen sei. Am Tag der Enthüllung war er bei den Patres zur Tafel geladen, es gab ein Festmahl und den ältesten Wein des Hauses; Goldmund schluckte den guten Fisch und das Wildbret, und mehr als der alte Wein erwärmte ihn die Teilnahme und Freude, mit welcher Narziß sein Werk und seine Ehrung begrüßte.

Eine neue Arbeit, vom Abt gewünscht und bestellt, war schon entworfen, ein Altar für die Marienkapelle in Neuzell, die dem Kloster gehörte und in der ein Mariabro

Er hatte Sorgen; seit dem Fertigwerden der großen Arbeit war sein Leben in Unordnung, er versäumte die Frühmesse, er war tief unruhig und unzufrieden. Viel dachte er jetzt an den Meister Niklaus und ob nicht bald auch er selbst so werden würde, wie Niklaus war, fleißig und bieder und kunstfertig, aber unfrei und unjung. Kürzlich hatte ein kleines Erlebnis ihn nachdenklich gemacht. Auf seinen Streifen hatte er ein junges Bauernmädchen namens Franziska gefunden, die ihm sehr gefiel, so daß er sich Mühe gab, sie zu bezaubern,und alle seine einstigen Werbekünste anwandte. Das Mädchen hörte sein Geplauder gern, sie lachte beglückt zu seinen Witzen, aber seine Werbungen lehnte sie ab, und zum erstenmal spürte er, daß er einem jungen Weibe alt erscheine. Er war nicht mehr hingegangen, aber er hatte es nicht vergessen. Franziska hatte recht, er war anders geworden, er fühlte es selbst, und zwar waren es nicht die paar verfrühten grauen Haare und die paar Falten um die Augen, es war mehr etwas im Wesen, im Gemüt; er fand sich alt, er fand sich dem Meister Niklaus unheimlich ähnlich geworden. Mit Unwillen beobachtete er sich selber und zuckte die Achseln über sich; er war unfrei und seßhaft geworden, er war kein Adler und kein Hase mehr, er war ein Haustier geworden. Trieb er sich draußen herum, so suchte er den Duft der Vergangenheit, das Gedächtnis seiner einstigen Wanderschaft mehr als neue Wanderung und neue Freiheit, er suchte sehnlich und mißtrauisch danach wie ein Hund nach einer verlorengegangenen Witterung. Und war er einen Tag oder zwei draußen gewesen, hatte er ein wenig gebummelt und gefeiert, so zog es ihn unweigerlich wieder zurück, er hatte ein schlechtes Gewissen, er fühlte die Werkstatt warten, er fühlte sich für den bego

Der Gedanke an die Reise tröstete ihn; er hielt sich brav zur Arbeit, um desto eher frei zu werden. Und wie ihm aus dem Holz die Gestalt Lydias allmählich entgegenkam, wie er von ihren edlen Knien die strengen Kleidfalten niederstreben ließ, entzückte ihn eine i

Als sie nahezu fertig war, zeigte er sie dem Abt. Narziß sagte: »Das ist dein schönstes Werk, Lieber, wir haben nichts im ganzen Kloster, was ihm gleichkommt. Ich muß dir gestehen, daß ich in diesen letzten Monaten einige Male um dich in Sorge gewesen bin. Ich sah dich unruhig und leidend, und we