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Er schwieg, und Goldmund fragte nicht weiter. Er brauchte ja auch nicht zu erfahren, daß gestern abend, als Narziß beim Grafen um Goldmunds Leben bat, dies Leben mit einigen Konzessionen an den harten Grafen hatte bezahlt werden müssen.

Sie ritten; Goldmund fühlte sich bald müde und hielt sich mit Mühe im Sattel.

Nach einer langen Weile fragte Narziß: »Ist es de

Goldmund lachte. »Nun, es hatte wirklich den Anschein, als sei ich ein Dieb. Ich hatte aber mit des Grafen Geliebten eine Zusammenkunft; ohne Zweifel hat er das auch gewußt. Es wundert mich sehr, daß er mich doch laufen ließ.«

»Nun, er ließ mit sich reden.«

Sie ko

»Eine Frage, Narziß: habt ihr auch einmal Juden verbra

»Juden verbra

»Richtig. Aber sage: wärest du imstande, Juden zu verbre

»Nein, warum sollte ich es tun? Hältst du mich für einen Fanatiker?«

»Versteh mich, Narziß! Ich meine: ka

»Ich würde einen Befehl dieser Art nicht geben. Dagegen ist der Fall wohl denkbar, daß ich eine solche Grausamkeit mit ansehen und dulden müßte.«

»Du würdest es also dulden?«

»Gewiß, we

»Ach ja.«

»Nun, und hast du sie verhindert? – Nein? – Siehst du.«

Goldmund erzählte ausführlich die Geschichte Rebekkas, er wurde dabei warm und leidenschaftlich.

»Und nun«, schloß er heftig, »was ist das für eine Welt, in der wir da leben müssen? Ist es nicht eine Hölle? Ist es nicht empörend und scheußlich?«

»Gewiß. Die Welt ist nicht anders.«

»So!« rief Goldmund böse. »Und wie oft hast du mir früher behauptet, die Welt sei göttlich, sie sei eine große Harmonie von Kreisen, in deren Mitte der Schöpfer thront, und das Existierende sei gut, und so weiter. Du sagtest, es stehe im Aristoteles, oder beim heiligen Thomas. Ich bin begierig, deine Erklärung des Widerspruchs zu hören.«

Narziß lachte.

»Dein Gedächtnis ist erstaunlich, und doch hat es dich ein wenig getäuscht. Ich habe den Schöpfer stets als vollkommen verehrt, aber niemals die Schöpfung. Ich habe das Übel in der Welt nie geleugnet. Daß das Leben auf Erden harmonisch und gerecht und daß der Mensch gut sei, dies, mein Lieber, hat noch nie ein echter Denker behauptet. Daß vielmehr das Dichten und Trachten des Menschenherzens übel sei, steht ausdrücklich in der Heiligen Schrift, und wir sehen es jeden Tag bestätigt.«

»Sehr gut. Ich sehe nun endlich, wie ihr Gelehrte das meint. Also der Mensch ist böse, und das Leben auf Erden ist voll Gemeinheit und Schweinerei, das gebet ihr zu. Aber dahinter irgendwo, in euren Gedanken und Lehrbüchern, gibt es Gerechtigkeit und Vollkommenheit. Sie sind vorhanden, man ka

»Du hast viel Groll gegen uns Theologen angesammelt, lieber Freund! Aber du bist noch immer kein Denker geworden, du wirfst alles durcheinander. Du wirst einiges hinzulernen müssen. Aber warum de

»Ach ja, Narziß. Ich meine ja nicht dich und daß du etwa kein guter Abt seiest. Aber ich denke an Rebekka, an die verbra

Freundlich nickte Narziß dem Freunde zu.

»Du hast ganz recht«, sagte er warm, »sprich es nur aus, sage mir alles. Aber in einem täuschest du dich sehr: du hältst das, was du da sprichst, für Gedanken. Es sind aber Gefühle! Es sind die Gefühle eines Menschen, dem das Grauen des Daseins zu schaffen macht. Nun vergiß aber nicht, daß diesen traurigen und verzweifelten Gefühlen ganz andere gegenüberstehen! We

»Gewiß, es ist so. Weil die Welt so voll von Tod und Grauen ist, darum suche ich immer wieder mein Herz zu trösten und die schönen Blumen zu pflücken, die es inmitten dieser Hölle gibt. Ich finde Lust, und ich vergesse für eine Stunde das Grauen. Darum ist es nicht minder da.«

»Du hast es sehr gut formuliert. Also du findest dich in der Welt von Tod und Grauen umgeben, und daraus entfliehst du in die Lust. Aber die Lust ist ohne Dauer, sie entläßt dich wieder in die Wüste.«

»Ja, so ist es.«

»Es geht den meisten Menschen so, nur empfinden es wenige mit solcher Stärke und Heftigkeit wie du, und wenige haben das Bedürfnis, dieser Empfindungen bewußt zu werden. Aber sage doch: außer diesem verzweifelten Hin und Her zwischen Lust und Grauen, außer dieser Schaukel zwischen Lebenslust und Todesgefühl – hast du nicht außerdem noch irgendeinen Weg probiert?«

»O ja, natürlich. Ich habe es mit der Kunst probiert. Ich sagte dir ja schon, daß ich unter anderem auch Künstler geworden bin. Eines Tages, ich war vielleicht drei Jahre in der Welt draußen und beinahe die ganze Zeit auf Wanderschaft gewesen, fand ich in einer Klosterkirche eine hölzerne Mutter Gottes stehen, die war so schön, und ihr Anblick ergriff mich so sehr, daß ich nach dem Meister fragte und suchte, der sie gemacht hatte. Ich fand ihn, es war ein berühmter Meister; ich wurde sein Schüler und habe einige Jahre bei ihm gearbeitet.«

»Du wirst mir davon später noch mehr erzählen. Aber was war es de

»Es war die Überwindung der Vergänglichkeit. Ich sah, daß aus dem Narrenspiel und Totentanz des Menschenlebens etwas übrigblieb und überdauerte: die Kunstwerke. Auch sie vergehen ja wohl irgendeinmal, sie verbre

»Das gefällt mir sehr, Goldmund. Ich hoffe, du werdest noch viele schöne Werke machen, mein Vertrauen auf deine Kraft ist groß, und ich hoffe, du werdest in Mariabro

»Da hast du recht«, rief Goldmund eifrig, »ich hätte gar nicht geglaubt, daß du über die Kunst so gut Bescheid wüßtest! Das Urbild eines guten Kunstwerks ist nicht eine wirkliche, lebende Gestalt, obwohl sie der Anlaß dazu sein ka

»Wie schön! Und jetzt, mein Lieber, hast du dich, ohne es zu wissen, mitten in die Philosophie begeben und hast eines ihrer Geheimnisse ausgesprochen.«

»Du machst dich über mich lustig.«

»O nein. Du hast von den ‚Urbildern’ gesprochen, von Bildern also, die nirgends vorhanden sind als im schöpferischen Geist, die aber in der Materie verwirklicht und sichtbar gemacht werden kö

»Ja, das klingt ganz glaubhaft.«

»Nun, und indem du dich zu Ideen beke