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»Entschuldige mich, ich bin kein sehr guter Wirt. Du kommst eben von der Fußreise und wirst müde sein, und ehrlich gesagt bin ich es auch, mein Tag ist etwas überfüllt – aber we
Er führte Knecht in eine gewölbte große Zelle, darin stand nichts von Hausrat als ein altes Klavier und zwei Stühle. In die setzten sie sich.
»Du kommst bald in eine andere Stufe,« sagte der Meister. »Dort wirst du allerlei Neues lernen, es ist viel Hübsches dabei, auch am Glasperlenspiel wirst du wohl bald zu nippen begi
Es pochte an der Tür, und ein Becher Milch wurde gebracht.
»Trinke langsam, langsam,« mahnte er, »laß dir Zeit, und sprich nicht dazu.« Ganz langsam trank Knecht seine kühle Milch, ihm gegenüber saß der verehrte Ma
Jetzt drehte sich der Magister auf seinem Stuhle um und legte die Hände auf das Klavier. Er spielte ein Thema und trieb es variierend vorwärts, es schien ein Stück von einem italienischen Meister zu sein. Er wies seinen Gast an, sich den Gang dieser Musik wie einen Tanz, wie eine ununterbrochene Reihe von Gleichgewichtsübungen vorzustellen, wie eine Folge von kleineren oder größeren Schritten von der Mitte einer Symmetrieachse aus, und auf nichts andres zu achten als auf die Figur, welche diese Schritte bildeten. Er spielte die Takte nochmals, sa
Es schien ihm eine lange Zeit vergangen zu sein, als er dem Raum wieder entglitt, als er den Stuhl unter sich wieder fühlte, den mattenbedeckten Steinboden, das schwach gewordene Dämmerlicht hinter den Fenstern. Er spürte, daß jemand ihn ansehe, blickte auf und sah in den Blick des Musikmeisters, der ihn aufmerksam betrachtete. Der Meister nickte ihm kaum merklich zu, spielte mit einem Finger pianissimo die letzte Variation jener italienischen Musik und erhob sich.
»Bleibe hier sitzen,« sagte er, »ich werde wiederkommen. Suche die Musik in dir noch einmal auf, achte auf die Figur! Aber zwinge dich nicht, es ist bloß ein Spiel. We
Er ging, es wartete noch eine Arbeit auf ihn, die der überfüllte Tag ihm übriggelassen hatte, keine leichte und angenehme Arbeit, keine, die er sich wünschte. Es war einer unter den Schülern des Dirigentenkurses, ein begabter, aber eitler und hochfahrender Mensch, mit dem er noch sprechen, dem er Unarten legen, Unrecht beweisen, dem er Sorge wie Überlegenheit, Liebe wie Autorität zeigen mußte. Er seufzte. Daß es keine endgültige Ordnung, kein Aufräumen mit erka
Als er von seinem Gange wiederkam, um mit Josef das Abendbrot einzunehmen, fand er ihn still, aber vergnügt, gar nicht mehr müde. »Es war sehr schön,« sagte der Knabe träumerisch. »Die Musik ist mir darüber ganz entschwunden, sie hat sich verwandelt.«
»Laß sie in dir nachschwingen,« sagte der Meister und führte ihn in ein kleines Gemach, wo ein Tisch mit Brot und Obst bereit stand. Sie aßen, und der Meister lud ihn ein, morgen eine Weile dem Dirigierkurs beizuwohnen.
Ehe er sich zurückzog und den Gast in seine Zelle brachte, sagte er zu ihm: »Du hast beim Meditieren etwas gesehen, die Musik ist dir als Figur erschienen. Versuche, we
In der Gastzelle fand Knecht einen Bogen Papier auf dem Tische liegen und Stifte, und ehe er zur Ruhe ging, versuchte er die Figur zu zeichnen, in welche sich ihm jene Musik verwandelt hatte. Er zog eine Linie, und von der Linie schräg wegstrebend in rhythmischen Zwischenräumen kurze Seitenlinien; es eri
Er wußte beim Erwachen nichts mehr davon, aber als ihn später bei einem Morgengang der Meister fragte, ob er einen Traum gehabt habe, war es ihm, als müsse er etwas Schlimmes oder Aufregendes im Traum erlebt haben, er sa
»Soll man de
Der Meister sah ihm in die Augen und sagte kurz:
»Man soll auf alles achten, de
Nach einigen Schritten aber fragte er väterlich: »In welche Schule möchtest du de
Noch rot im Gesicht, ergänzte Knecht den jedem Schüler wohlbeka
Herzlich blickte ihn der Alte an. »Wahrscheinlich ist das dein Weg, Josef. Du weißt, daß nicht alle mit dem Glasperlenspiel einverstanden sind. Sie sagen, es sei ein Ersatz für die Künste, und die Spieler seien Belletristen, sie seien nicht mehr als eigentlich Geistige zu betrachten, sondern seien eben frei phantasierende und dilettierende Künstler. Du wirst ja sehen, was daran wahr ist. Vielleicht hast du selber Vorstellungen vom Glasperlenspiel, die ihm mehr zutrauen, als es dir halten wird, vielleicht auch umgekehrt. Daß das Spiel Gefahren hat, ist gewiß. Eben darum lieben wir es, auf gefahrlose Wege schickt man nur die Schwachen. Du sollst aber nie vergessen, was ich dir so oft gesagt habe: unsre Bestimmung ist, die Gegensätze richtig zu erke
»Ich glaube zu verstehen,« sagte Knecht. »Aber sind jene, die so starke Vorlieben und Aversionen haben, nicht eben einfach die leidenschaftlicheren Naturen, andre aber die ruhigeren und sanfteren?«
»Es scheint zu stimmen und stimmt doch nicht,« lachte der Meister. »Um für alles tüchtig zu sein und allem gerecht zu werden, braucht man gewiß nicht ein Minus an Seelenkraft und Schwung und Wärme, sondern ein Plus. Was du Leidenschaft ne